Einiges kann man  auf dieser Seite über die Grenzgeschichte erfahren.  Unseren Gästen können wir als Augen- bzw. Zeitzeugen über das Leben an der Grenze, der Nacht der Grenzöffnung und der Zeit danach berichten. Rechts das grüne Feld  Philippsthal/Vacha - Hessen/Thüringen - BRD/DDR dort befindet sich eine Bildergalerie


Grenzenlos - Mein Herbst 1989

Gespannt - da an der Grenze aufgewachsen und durch den Schwiegervater angesteckt - verfolgte ich im Herbst 1989 die täglichen Nachrichten aus Ungarn, Deutschland und der DDR. Oft diskutierten wir über die Schlagzeilen und machten uns Gedanken darüber „was wäre wenn“. Doch so recht vorstellen, was wäre wenn die DDR die Grenze öffnete, konnte ich mir überhaupt nicht. Selbst am 09.11.1989, wo in Berlin die Mauer geöffnet wurde, hatte ich noch keinen blassen Schimmer was uns 48 Stunden später erwartete.

 

Am 11.11. bekam mein Schwiegervater Besuch aus Vacha (thüringische Stadt direkt gegenüber von unserem Haus). Der Schwiegersohn einer befreundeten Familie aus Vacha war mit seinem Bruder und seinem Lada (Auto aus der DDR) über den offiziellen Grenzübergang Herleshausen/Wartha nach Philippsthal gekommen um seinen Heimatort mal von *drüben* zu betrachten. Die Freude war riesig und wir verbrachten einen schönen Nachmittag zusammen. Zwischendurch schauten wir uns auch nochmal die Mauer, den Zaun, sowie den Turm auf der Brücke an. Eine ehemalige Lehrerin aus Philippsthal filmte die Mauer mit ihrer Videokamera, weil sie meinte, wer weiß wie lange sie noch steht. Wir sahen uns an und dachten, na so schnell geht das bestimmt nicht, doch da sollten wir uns gewaltig täuschen. Am späten Abend machten mein Mann und ich uns auf den Weg zur hiesigen Disco, im Schlepptau der Besuch von drüben. Gegen 22.30 Uhr meinte der DJ „heute Nacht wird im Weidenhain auch noch die Mauer eingerissen“. Wir dachten so, na der spinnt ja, doch ein Gefühl sagte uns, lass uns mal nach Hause fahren.

 

Etwa 600 Meter von unserem zu Hause entfernt, stand an der Straße ein VW-Bus vom Zoll, wir mussten anhalten und uns ausweisen, damit wir durchgelassen werden konnten, wir wohnten ja schließlich kurz vor der Mauer. „Irgendwas geschehe heute Nacht“ sagten die Zollbeamten und wir sollten unser Auto nicht direkt auf der Straße parken. Zuhause angekommen, es war mittlerweile 23.00 Uhr, war es sehr neblig und kalt aber es war weder was zu sehen und geschweige denn was zu hören. So beschlossen wir nochmal hinauf in die Wohnung zu gehen. Wir machten aber das Fenster im Wohnzimmer, welches Richtung Osten lag auf, um ja nichts zu verpassen.

 

© Privatarchiv Clute-Simon

 

Kaum das wir uns hingesetzt hatten, hörten wir ein komisches Quietschen und Ächzen. Nun aber flott angezogen und hinunter an die Mauer. Unten angekommen sahen wir einen Mann mit Uniform, über der Mauer liegend, der mit einem Schraubenzieher versuchte Schrauben von einer Schelle zu lösen, die an dem Rohr, welches auf der Mauer lag, befestigt waren. Unten drunter – zwischen Mauer und rotweißen Absperrbalken – standen 4 oder 5 uniformierte der NVA , leuchteten mit einer Taschenlampe nach oben zu dem Soldaten der dort arbeitete.

 

Noch bevor der BGS mit seinen Leuchtanlagen kam, hatten mein Mann und unser damaliger Nachbar und Bewohner des Hauses auf der Grenze, der ehemaligen Druckerei Hoßfeld, einen 1000 Wattstrahler installiert. Inzwischen musste es sich wohl herumgesprochen haben, dass sich an der Grenze was tut. Immer mehr Leute strömten zu Fuß in Richtung Mauer und fingen an die Grenzposten anzufeuern, die nun schon mit einem Kran am Werke waren und die einzelnen Mauerteile, eins nach dem anderen, herauszogen. Der Jubel bei der ersten Platte, die sich Stück für Stück aus der eigentlich für immer undurchdringlich scheinenden Mauer heraushob, war unvorstellbar. Alle sangen: So ein Tag, so wunderschön wie heute…. Die ehemalige Lehrerin vom Nachmittag war ebenfalls wieder vor Ort und filmte diese denkwürdigen Minuten.

 

Irgendwann in der Nacht, kamen von Vacha her einige Männer. Sie arbeiteten im ehemaligen Petkuswerk, welches auch direkt an der Brücke in Vacha lag und somit auch direkt an der Grenze. Sie hatten in ihrer Nachtschicht mitbekommen, dass sich was auf der Brücke tut und trauten sich über die Brücke zu laufen, bis zu den wachsamen NVA Soldaten. Einige Philippsthaler hatten sie gesehen und ihnen eine Flasche Sekt hinübergereicht, aus der sie gerade noch einen Schluck nehmen konnten, bevor sie wieder zurückgeschickt wurden.

 

© Privatarchiv Clute-Simon

 

Ich weiß nicht mehr genau wann, ich denke so gegen 4.00 Uhr, habe ich dann unsere Kinder  geweckt, damals 11 und 8 Jahre alt, damit auch sie Zeugen dieses historischen Augenblickes werden konnten. Unzählige Menschen standen nun an der Grenze und warteten auf den Morgen, um dann nach Vacha zu gehen oder auch um die Besucher oder vielleicht sogar alte Freunde aus Vacha begrüßen zu können. Um 06.00 Uhr weckte ich dann noch unsere jüngste Tochter, gerade mal 19 Monate alt. Sie sollte natürlich auch bei unserem ersten Besuch in Vacha dabei sein. Dick eingemummelt saß sie in ihrem Kinderwagen und musste noch fast 2 Stunden ausharren, bis es denn dann endlich los ging.

 

Unsere Bekannten aus Vacha standen mit ihrem Lada als Erste in der Schlange der Autos, die sich eingereiht hatten, um in die DDR zu fahren. Wir ulkten noch, wer wohl zuerst bei deren Haus in Vacha ankommt – sie hatten uns nämlich zum Kaffee eingeladen.

 

Durch den Nebel sah man auch schon eine Lichterschlange der Trabbis von Oberzella herkommend, die in Richtung Westen wollten. Alle warteten gespannt darauf endlich in die Richtung fahren oder laufen zu können, die ihnen jahrelang versperrt worden war, egal ob von West nach Ost oder umgekehrt.

 

Um kurz nach 8 Uhr war es dann soweit. Wir gehörten, dank unserem frühen Anstellen, zu den ersten zwanzig, die mit gezückten Pass und Geldbeutel, man musste ja noch 25,- DM Zwangsumtausch pro Person bezahlen, an der provisorisch eingerichteten Grenzkontrollstelle warteten. Nachdem alle Pässe mit Stempel versehen und das Geld bezahlt worden war, ging ich mit meiner Familie und mit klopfendem Herzen über die Brücke, die ich zwar schon von Kindheit an kannte aber nie betreten durfte. Doch zum Grübeln oder Nachdenken blieb gar keine Zeit. Am Ende der Brücke kamen uns schon die ersten Vächer entgegen. Sie trugen ihre Kirmesfahne mit sich und luden uns gleich zum Feiern am Abend ein. Bei den Bekannten in Vacha trafen wir als erste ein und überbrachten der verdutzten Ehefrau die Grüße ihres Mannes, er würde auch gleich wieder daheim sein. Nach dem Kaffee machten wir einen Rundgang durch Vacha. Für mich war es schon ein beklemmendes Gefühl, man wusste ja so wenig von den Nachbarn und vor allem deren Staatsmacht, die sich erlaubt hatte, jahrelang die Menschen so einzusperren. Doch die Freude der anderen fegte alle Bedenken hinweg und übertrug sich auch auf mich. Mein Schwiegervater war an dem Tag der glücklichste Mensch in meinem Umfeld, er verbrachte von dem Tag an bis zu seinem Tod, unzählige Stunden in *seinem* Vacha, in dem er groß geworden war. Ich bin heute glücklich darüber, dass ich diese historischen Stunden miterleben durfte und selbst heute, fast 30 Jahre nach Grenzöffnung, überkommen mich beim Anschauen der Fotos oder des Videos von damals, die Emotionen und neben der Gänsehaut treibt es mir, dass ein oder andere Freudentränchen in die Augen. 

 

© Astrid Clute-Simon 2017

 

Im Spätherbst 1989 endete hier noch jede Bemühung um einen menschlichen Kontakt nach "drüben"

© Privatarchiv Clute-Simon
© Privatarchiv Clute-Simon

Ab dem 12.November 1989 läuft durch Weidenhain, am Nordende der Werrabrücke von Vacha, der Verkehr wieder in beide Richtungen!

 

© Privatarchiv Clute-Simon
© Privatarchiv Clute-Simon